Wofür eigentlich? - Ein Sinn-Intro zum Blog...

Wenn man der Idee folgt, dass es keine Zufälle, sondern maximal Fügung oder Schicksal gibt, dann ist dieser Blog irgendwie zwingend: Drei Tage spannender Impulse um das letzte Wochenende herum  - ein bereicherndes persönliches Gespräch, zwei Tage Pathfinder Festival von Intrinsify in Berlin und ein Dialog-Tag zur Reflexion von Selbstorganisation und "Agilität" (die Gänsefüßchen-Gründe erläutere ich gleich kurz) -  waren immer wieder angereichert mir der  "Einladung" doch endlich mal aufzuschreiben, was man meint zu sagen zu haben. Also fange ich heute an, in loser Folge laut zu denken und dabei meinen Glaubenssatz von der persönlichkeitsverankerten Schreibblockade zu verflüssigen. Vielleicht geht etwas in Resonanz. 

 

In den letzten Tagen blitzte in vielen Dialogen immer wieder ein Thema auf: Wofür tun wir etwas? Als Team, als Unternehmen, als Individuum. Oftmals ist die Antwort zunächst die Beantwortung einer anderen Frage: Die nach dem Warum: Ein Auftrag vom Chef, eine Gewohnheit, eine empfundene Verpflichtung. Und wie oft stellt man dann fest, dass man entweder mit dem Tun ins Stocken kommt? Dem erstbesten Schweinehündchen, das um die Ecke lugt, gelingt es, unsere Motivation zum Tun zu verschrecken und den Zweifeln und Bedenken das Zepter in die Hand zu geben. Oder irgendwann bemerkt man ein Energiedefizit oder eine Erschöpfung ohne gleichzeitig das Gefühl zu haben, irgendwie nennenswert vorangekommen zu sein. Und so wie das womöglich der Einzelne bei sich selbst schon mal erlebt hat, erleben das auch Teams, Projekte und ganze Unternehmen.

 

Nebenbei der Gänsefüßchengrund: In nicht unerheblichem Maße ist das offenbar gerade Kennzeichen so mancher Agilitätsinitiativen von Unternehmen. "So ein Thema, das in aller Munde ist, muss ja auch für uns relevant sein" - unabhängig davon, ob man überhaupt ein passendes Problem für Lösungen wie Agilität oder Selbstorganisation hat. Am besten ist es natürlich, wenn man möglichst schnell - "agil ist ja schließlich was mit flexibel und schnell, oder?" - agil und selbstorganisiert wird. Und dabei einerseits enthusiastisch verwechselnd, dass agiles Projektmanagement etwas anderes ist als agile Führung und agile Organisationsgestaltung. Und andererseits übersehend, dass die meist beabsichtigte nachhaltige Veränderung im sozialen Systemen Unternehmen mehr erfordert als die flotte Einführung von ein paar neuen Methoden und Kollaborationstools frei nach dem Motto "Agil in 5 schnellen Schritten". Für die oftmals notwendige Arbeit unter anderem an Einstellungen, Haltungen, Kommunikationsmustern, Prozessen und Strukturen fehlt dann oft die Energie oder auch die Einsicht. Deshalb ist "agil" schon gefährlich nahe am Buzzword-Friedhof, was die Gänsefüßchen erklärt.

 

Und gleichzeitig schlägt es den Bogen zum Wofür. Dass es alle machen, ist halt keine dauerhafte Motivationsunterstützung. Es braucht ein lohnenswertes Ziel, einen Nutzen oder anders formuliert: Es muss den Beteiligten Sinn machen. Was haben wir davon, wenn wir diesen Weg einschlagen? Was möchten wir für wen erreichen, wenn wir ein oder mehrere relevante Probleme (welche sind das eigentlich?) gelöst haben. Nicht selten würde man dann vielleicht feststellen, dass der ein oder andere Beteiligte das eher als Zwangsbeglückung empfindet, die skrupellos über aus der jeweiligen Perspektive berechtigte Bedürfnisse, Ängste, Sorgen und Wünsche hinwegfegt. Das erfordert Achtsamkeit in jeglichen Formen von Organisationsentwicklungsvorhaben für die Menschen und ihre Bedürfnisse und Perspektiven. Auf einer solchen Basis entwickeln Organisationsentwicklungsvorhaben wie Initiativen zu Selbstorganisation, agiler oder kollegialer Führung und vielem anderen, was im Kontext der New Work geschieht, Wirksamkeit. 

 

Nicht zuletzt aus diesem Grund nimmt der Aspekt des Sinns einen so großen Raum in unserer Metapher von einer Organisation - dem Organisationsbaum - ein. 

Mit dem Blick auf Unternehmen bzw. Organisationen als lebendige, soziale Systeme liegt die philosophische Frage nach dem Sinn des Lebens einer Organisation nicht so fern. Legt man den theoretischen Gedanken des Überlebens als ausreichende Zweck- oder Sinnstiftung einmal zur Seite, dann ist dieser Organisations-Sinn bzw. die Absicht oder der purpose der Orientierung gebende Leuchtturm, der den Veränderungsvorhaben auch und gerade im Kontext elementarer Aspekte wie Führung, Kultur oder Organisationsstruktur Richtung verleiht. Mit einem solchen Leuchtturm vor Augen wird Energie in Bahnen gelenkt und Motivation in den meist arbeitsintensiven Veränderungsprozessen unterstützt. Und nicht nur da: Womöglich noch viel mehr lenkt er die Kräfte und die Motivation im ganzen normalen Alltag, in dem Zusammenarbeit im Unternehmen gestaltet und gelebt wird. Nicht als Projekt, sondern als fortlaufender Prozess. In der Krone des Organisationsbaums blickt man dabei aus drei Perspektiven auf die Sinnstiftung einer Organisation:

  1. Die klassische Sinnstiftung im Sinne eine Nutzenvermittlung oder Problemlösung für die Kunden der Organisation bzw. des Unternehmens. Sie ist letztlich ein Kern der Daseinsberechtigung der Organisation: Welche Probleme lösen wir für unsere Kunden (anstatt womöglich neue zu schaffen)? 
  2. Welche Sinnstiftungen (auch über das reine Gehalt hinausgehend) erfahren die Mitarbeiterinnen und Mitarbeitet?
  3. Welchen Sinn stiftet die Organisation über den "Tellerrand" der Unternehmung hinaus? Welchen Beitrag gestaltet sie zu einer zukünftigen Welt und Gesellschaft?

Diese Sinnstiftungen sind der Ort, auf den die Energien, welche die Organisation aus dem Wurzelwerk Ihrer Identität zieht, ausgerichtet sind, und die im Stamm des für die Organisation stehenden Baumes gerahmt werden. Anders formuliert: Sie fokussieren die Aufmerksamkeit aller Aktivitäten der Organisation. Ohne diese Fokussierungsmöglichkeit läuft die Organisation Gefahr, in die die oben beschriebenen Situationen von Erschöpfung, Stillstand oder gewohnheitsmäßiger Routine zu geraten. Also Zuständen, die angesichts der Herausforderungen der sogenannten VUCA-Welt alles andere als hilfreich sind.

Tja, und wofür gibt es jetzt diesen Blog (okay, bisher gibt es nur den ersten Artikel)? Mit den drei Sinnkomponenten beantwortet könnte das Wofür darin liegen:

  1. Inspirationen und Entwicklung sowie Dialog anstoßende Irritationen und Impulse für die Leser und Leserinnen.
  2. Eine Möglichkeit für uns, Resonanz zu erfahren, die auch unsere Entwicklung von Ideen und Ansätzen fördert und den eigenen Gedanken einen förderlichen Raum gibt. 
  3. Wir sind der Überzeugung, dass die Orientierung auf Sinn und Absicht sowie die Gestaltung von Arbeitswelten, in denen Menschen sich auf Augenhöhe begegnen, ihre Kompetenzen sinnstiftend einbringen können und Wirksamkeit in Selbstverantwortung und Selbstorganisation erleben können, wertvolle Beiträge angesichts der Herausforderungen unserer Zeit sind. Dazu möchten wiederum wir einen Beitrag leisten und diese Überzeugung hier zum Ausdruck bringen. Womit es zumindest schon mal gesagt wäre...

(Autor:: Thorsten Franz)

Kommentar schreiben

Kommentare: 1
  • #1

    Marc Gründler (Mittwoch, 28 November 2018 23:04)

    Lieber Thorsten,

    den Sinn in den Mittelpunkt zu stellen macht Sinn. Vor allem weil der Begriff auf allen Ebenen von "Arbeit" hilfreich ist - von der kleinen Prozessveränderung (die aber sehr wohl eine Hürde für den einzelnen Menschen sein kann) über Strategie bis hin zur globalen, weltverbessernden Mission eines Unternehmens.

    Soweit ein Beipflichten. Und Dialog anstoßende Irritationen lasse ich gerne später folgen. Bis dahin leben sie hoch, die Schweinehundesieger!